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Norddeutsche Wasserstoffstrategie

Wer treibt die Wasserstoffwirtschaft im Nordwesten an?

Wer treibt die Wasserstoffwirtschaft im Nordwesten an? Wie entstehen aus Ideen und Visionen handfeste Projekte, die Bremen und den Nordwesten zu einem Hotspot in der Wasserstoff-Industrie machen? In unserer Reihe „Wasserstoff. Norddeutsch. Persönlich.“ stehen die Persönlichkeiten hinter der Wasserstoff-Wende Rede und Antwort.

Mike Blicker ist Projektkoordinator des Energiewende-Großprojekts Norddeutsches Reallabor (NRL) und arbeitet als wissenschaftliche Teamleitung am Competence Center for Energy Transition (CC4E) der HAW Hamburg. Seit rund zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Fragen der Energiewende – von der Erzeugung erneuerbarer Energien über deren effiziente Verwendung und Systemintegration bis hin zur Rolle von Wasserstoff.

1. Was motiviert Sie, im Bereich Wasserstoff zu arbeiten?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit erneuerbaren Energien, Energiespeicherung und der Transformation der Energieversorgung. Die zentrale Frage ist dabei für mich immer gewesen, wie wir das Energiesystem insgesamt zusammenbringen und sinnvoll integrieren können.

Wasserstoff spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, insbesondere wenn es um Systemintegration und Sektorenkopplung geht. Aus meiner Sicht ist klar, dass wir grünen Wasserstoff brauchen, um die Energiewende vollständig umzusetzen und fossile Energieträger komplett zu substituieren.

Gleichzeitig sehe ich es als Aufgabe der Forschung, genau zu prüfen, wo sein Einsatz sinnvoll ist – und wo es bessere Alternativen gibt. In unserem Reallabor konnten letztlich nicht alle Projektideen final in die Praxis überführt werden, aber auch daraus haben wir sehr viel gelernt: Dadurch verstehen wir heute besser, warum bestimmte Dinge nicht funktionieren und was es braucht, damit sie künftig gelingen.

2. Auf welchen persönlichen Erfolg sind Sie besonders stolz?

Ich bin weniger auf einen einzelnen persönlichen Erfolg stolz als eher auf das, was wir gemeinsam im Norddeutschen Reallabor erreicht haben. Hier in Norddeutschland ist es gelungen, mit einem starken Netzwerk das Thema Wasserstoff und die Energiewende insgesamt deutlich voranzubringen. Wir haben mit über 50 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik daran gearbeitet, sowohl die Erzeugung als auch die Nutzung von Wasserstoff in verschiedensten Anwendungen zu ermöglichen, vor allem in der Industrie – zum Beispiel durch die Integration einer Elektrolyseanlage in ein Kompostwerk der Stadtreinigung Hamburg zur Steigerung der Biogasausbeute oder die Umrüstung von Reduktionsprozessen beim Multimetallhersteller Aurubis.

 

3. Was hat Sie zuletzt im Bereich Wasserstoff positiv überrascht?

Positiv finde ich vor allem, dass es im Bereich Infrastruktur trotz vieler Herausforderungen spürbar vorangeht – gerade hier in Norddeutschland und speziell in Hamburg. Es wird konkret gebaut und geplant, ohne immer wieder in Frage zu stellen, ob wir Wasserstoff überhaupt brauchen. Dass wir den Wasserstoff brauchen, zeigen ja zahlreiche Studien.

Das klassische Henne-Ei-Problem ist zwar noch da, aber man sieht, dass Projekte trotzdem umgesetzt werden – etwa im Umfeld des Norddeutschen Reallabors, wo bereits mehrere Elektrolyseure entstanden sind, beim Wasserstoff-Kernnetz oder bei Elektrolysevorhaben wie dem Green Hydrogen Hub in Hamburg-Moorburg. Mich beeindruckt dabei vor allem das mutige Vorangehen und das Festhalten an den Planungen, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht immer einfach sind.

 

4. Welche Person würden Sie gerne auf einer deutschen Messe oder Konferenz zum Thema Wasserstoff treffen?

Konkrete Personen kann ich da gar nicht benennen. Was ich mir aber wünschen würde, ist ein noch stärkerer internationaler Austausch. Wir durften bereits Delegationen aus anderen Ländern wie Indien, Südafrika, Taiwan und Japan bei uns begrüßen, die sich über unsere Arbeit informieren wollten. Deren Perspektiven finde ich sehr spannend, weil die Rahmenbedingungen international oft sehr unterschiedlich sind.

 

5. Welches Wasserstoff-Projekt oder welchen innovativen Ort – egal wo auf der Welt – würden Sie gern einmal näher kennenlernen?

Japan wird häufig als Vorreiter im Bereich Wasserstoff genannt – und das sticht aus meiner Sicht auch heraus. Gerade die Aktivitäten dort, etwa in der Präfektur Fukushima, würde ich mir gern einmal vor Ort anschauen, um zu sehen, wie sie das technisch umsetzen und wie die verschiedenen Elemente zusammenkommen.

Gleichzeitig ist klar, dass sich nicht alles eins zu eins auf Deutschland übertragen lässt. In Japan wird sehr konsequent in vielen Bereichen auf Wasserstoff gesetzt und man schaut nicht so genau darauf, welche Farbe der Wasserstoff hat. In Deutschland differenzieren wir da stärker, um die Gesamtkosten des Energiesystems im Blick zu behalten und langfristig teure Lock-in Effekte zu vermeiden.

 

6. Wir befinden uns im Jahr 2035, in einem Satz: Woran merkt man im Alltag die Bedeutung von Wasserstoff?

Ich würde mir wünschen, dass wir 2035 zurückblicken und sehen, dass viele der heutigen Herausforderungen und Unsicherheiten überwunden sind – ähnlich wie bei der Photovoltaik, die anfangs auch skeptisch betrachtet wurde und heute eine der günstigsten Formen der Stromerzeugung ist. Ich hoffe auch, dass bis dahin in Politik und Gesellschaft weniger ideologisch getriebene Debatten geführt werden und stattdessen klar ist, welchen Beitrag Wasserstoff zur Energiewende leisten kann.

Im Alltag würde man die Bedeutung von Wasserstoff daran merken, dass die Technologie verlässlich funktioniert, die notwendige Infrastruktur aufgebaut ist und entsprechende Kapazitäten zur Verfügung stehen. Gleichzeitig würden Wasserstoff und Wasserstoffderivate gezielt dort eingesetzt, wo es wirklich sinnvoll ist –– nämlich in nicht elektrifizierbaren Prozessen in der Industrie, der Chemie und Teilen des Flug- und Schiffsverkehrs.